Kai Anderson: „Am Anfang steht der Mensch“

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Interview mit Kai Anderson im Online-Magazin “Digitaler Mittelstand” vom 04. Dezember 2017:

Sie stellen in Ihrer Einleitung zum Buch fest, dass unsere Welt ungeheuer digital geworden ist. Ist das nicht eine Binsenweisheit?

Ja klar, dennoch meinen viele Menschen, dass die Digitalisierung nur etwas mit Rechnern und ihrem PC zu tun hat. Der Anteil dessen, was wir Digitalisierung nennen, nimmt in unserem Leben mit jedem Tag zu. Wie wir arbeiten, was wir arbeiten, was und wie wir kommunizieren und interagieren, verändert sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Wir unterschätzen auch die Folgen und die Dynamik der Digitalisierung, also wie stark und wie schnell sich alles verändert hat. Bei diesem Tempo neigen wir dazu, die Entwicklung nicht mehr zu hinterfragen. Zum Beispiel unser Smartphone: Studien belegen, dass wir täglich mindestens zwei Stunden mit dem Handy verbringen, einem Gerät, das vor einem Jahrzehnt noch gar nicht existierte.

 

Woran liegt es, dass die meisten Anwender sich kaum mit den Folgen der Technisierung beschäftigen?

Zum Mantra der Digitalisierung gehört auch die Einfachheit der Bedienung und Nutzung. Man denkt einfach nicht darüber nach, weil alles so schön bequem ist. Das hat sich so regelrecht in unser Leben eingeschlichen. Dazu kommt, dass wir sehr technikverliebt sind: Für alles gibt es scheinbar eine digitale Lösung.

 

Andererseits gibt es noch viele Menschen, die in der traditionellen Industriedenke verharren, nach dem Motto: Es läuft doch alles bestens. Warum fällt es diesen Menschen so schwer, sich zu verändern und das Neue zu umarmen?

Es liegt am individuellen Verhalten des Einzelnen. Dennoch gilt als Faustregel, dass rund 20 Prozent der Mitarbeiter im Unternehmen veränderungsfähig sind. Etwa 10 bis 20 Prozent wollen oder können nicht; die Mehrheit, also 60 bis 70 Prozent, sind abwartend. Die Deutschen sind insgesamt sehr veränderungswillig, im Gegensatz zu ihrem Image mit der „German Angst“.

 

Sie sagen voraus, dass disruptive Techniken deutlich mehr Arbeitsplätze vernichten werden, als neue entstehen. So etwas wie sichere Arbeitsplätze wird es künftig nicht mehr geben. Das klingt doch sehr düster …

Ich meine vor allem Arbeit im Sinne von Arbeitszeit. In Summe ist das über die Jahrzehnte deutlicher weniger geworden. Daraus ergeben sich ganz neue Fragen: Wie beschäftigen wir die Leute? Wie verteilen wir die Arbeit? Welche neuen Arbeitsformen gibt es? Es scheint zumindest so, dass wir zunehmend Routinetätigkeiten abschaffen werden. Das Service-Center der Zukunft zum Beispiel wird komplett automatisiert sein. Chatbots übernehmen den Kundendienst – wir werden davon nichts merken.

Sie setzen sich dafür ein, die Balance zwischen Beschäftigung und Kaufkraft zu erhalten. So wird die Welt nicht von wenigen Superreichen dominiert. Ist das aber nicht schon längst eingetreten?

Wir müssen jedenfalls aufpassen, dass die Kluft nicht zu groß wird. Wir können auch den Standpunkt vertreten, dass wir nicht alles immer technisch umsetzen, was auch technisch möglich ist. Sind uns Menschen nicht wichtiger? Wir müssen das also in einer gewissen gesellschaftlichen Verantwortung sehen. Daher gehen die Diskussionen mit der Robotersteuer oder mit dem bedingungslosen Grundeinkommen schon in die richtige Richtung. Doch es ist wichtig zu verstehen: Das müsste weltweit umgesetzt werden, sonst sind wir national nicht mehr wettbewerbsfähig.

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Written by promeritcarolin · · News, Presse
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